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Die unsichtbare Verteidigung des Selbstbilds

  • 28. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Wie der Self-Serving Bias unser Selbstbild schützt


Im letzten Beitrag ging es um die Tendenz, die eigene Perspektive unbewusst zum Zentrum der Wahrnehmung zu machen. Der Egocentric Bias beschreibt, wie stark Menschen ihre eigenen Gedanken, Belastungen und Beiträge wahrnehmen. Schlicht weil die eigene Innenwelt permanent verfügbar ist.


Der heutige Bias geht einen Schritt weiter. Nicht mehr die Frage «Wie zentral ist meine Perspektive?» sondern «Wie schütze ich eigentlich mein Bild von mir selbst?» steht hier im Zentrum, denn Menschen wollen nicht nur verstehen was passiert, sie wollen auch weiterhin glauben eine vernünftige, kompetente und integre Person zu sein. Genau dort beginnt der sogenannte Self-Serving Bias.



Erfolg war Können. Scheitern waren die Umstände.


Menschen interpretieren Erfolge und Misserfolge selten neutral. Gelingt etwas, erklären wir dies häufig mit Kompetenz, Einsatz, Talent, Disziplin oder guter Entscheidung. Scheitert etwas, verschiebt sich die Erklärung oft erstaunlich schnell. Dann sind es oft schlechte Rahmenbedingungen, schwierige Umstände, Missverständnisse, unrealistische Erwartungen, andere Personen oder einfach Pech.


Das Faszinierende daran ist, dass diese Verzerrung meist unbewusst geschieht. Menschen manipulieren ihre Wahrnehmung nicht zwingend absichtlich. Vielmehr schützt unser Gehirn ununterbrochen etwas, das psychologisch enorm wichtig ist – ein stabiles Selbstbild und das damit verbundene Gefühl von Balance (Sedikides & Gregg, 2008).



Das Bedürfnis, eine gute Geschichte über sich selbst zu erzählen


Vielleicht besteht eine der wichtigsten psychologischen Funktionen des Self-Serving Bias darin, innere Kohärenz aufrechtzuerhalten. Menschen wollen erleben, dass ihre Entscheidungen sinnvoll, ihre Absichten gut und ihre Handlungen nachvollziehbar und stimmig sind. Ein dauerhaft negatives Selbstbild wäre psychologisch kaum tragbar. Gerade deshalb entsteht oft eine subtile Asymmetrie. Positive Ereignisse werden stärker mit dem eigenen Charakter verbunden und negative Ereignisse stärker mit dem äusseren Kontext.


Miller und Ross (1975) beschrieben bereits früh, dass Menschen Erfolge häufiger internal attribuieren, während Misserfolge stärker external erklärt werden. Nicht weil Menschen grundsätzlich unehrlich wären, sondern weil psychologische Stabilität selten vollkommen objektiv funktioniert.


Zudem zeigten Mezulis et al. (2004) in einer umfangreichen Meta-Analyse, dass der Self-Serving Bias kulturübergreifend auftritt, jedoch je nach Alter, Kontext und kulturellem Hintergrund unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.



Fehlerkultur scheitert oft am Selbstbild


Gerade in Organisationen wird der Self-Serving Bias besonders relevant, denn moderne Arbeitswelten verlangen gleichzeitig hohe Leistung, Anpassungsfähigkeit, Selbstreflexion, Lernbereitschaft und Fehleroffenheit.


Psychologisch entsteht dadurch jedoch ein Spannungsfeld, denn Fehler einzugestehen bedeutet fast immer auch, das eigene Selbstbild kurzfristig zu destabilisieren. Genau deshalb wirken viele sogenannte Fehlerkulturen oberflächlich überzeugender als sie tatsächlich sind.


Organisationen sagen «Fehler sind erlaubt.» Menschen erleben jedoch oft «Fehler bedrohen Status, Kompetenz und Zugehörigkeit.» und je stärker Menschen sich rechtfertigen müssen,desto wahrscheinlicher werden Schuldverschiebungen, Kontextargumente, defensive Kommunikation, oder selektive Wahrnehmung. Der Self-Serving Bias ist deshalb nicht einfach ein individuelles Problem. Er ist tief mit organisationalen Kulturen verbunden.



Verantwortung fühlt sich unterschiedlich an


Besonders sichtbar wird der Bias in Konflikten. Nach schwierigen Projekten entstehen häufig völlig unterschiedliche Wirklichkeiten. Jede Seite erinnert sich anders, jede Person bewertet ihren Beitrag anders und jede Perspektive enthält plausible Erklärungen.


Interessanterweise erleben sich dabei viele Menschen selbst durchaus als fair und objektiv. Gerade das macht den Self-Serving Bias psychologisch so spannend. Menschen schützen ihr Selbstbild häufig, während sie gleichzeitig überzeugt sind, die Situation realistisch einzuschätzen. Die eigene Erklärung wirkt vernünftig und die Erklärung anderer wirkt schnell defensiv.



Die gefährlichste Form des Biases


Vielleicht liegt die gefährlichste Variante des Self-Serving Bias jedoch nicht im offenen Rechtfertigen, sondern in der stillen Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit. Menschen erinnern sich nicht neutral. Sie erinnern sich oft so, dass das eigene Selbstbild stabil bleibt. Dadurch verändern sich rückblickend Verantwortlichkeiten, Absichten, Motive, Prioritäten, und Gewissheiten. Was ursprünglich unsicher war, wirkt später plötzlich logisch, was zufällig gelang, erscheint rückblickend geplant und was scheiterte, fühlt sich unvermeidbar an. Das eigene Leben wird unbewusst zu einer Geschichte umgeschrieben, in der das Selbst weiterhin kohärent bleibt.



Was verloren geht: echte Lernfähigkeit


Der Self-Serving Bias schützt kurzfristig psychologische Stabilität, langfristig kann er jedoch etwas Entscheidendes erschweren – Lernen.


Lernen benötigt Reibung. Es braucht die Möglichkeit, sich geirrt zu haben. Wer Misserfolge ausschliesslich auf Umstände zurückführt, muss das eigene Verhalten kaum hinterfragen. Wer Erfolge ausschliesslich als Ausdruck persönlicher Kompetenz interpretiert, übersieht leichter Zufall, Unterstützung, Timing, Kontext, Privilegien, oder strukturelle Bedingungen. Gerade deshalb beginnt persönliches Lernen und Entwickeln eventuell dort, wo Menschen aufhören, sich selbst permanent verteidigen zu müssen.



Fazit


Vielleicht ist Selbstreflexion nicht die Fähigkeit, sich ständig kritisch zu hinterfragen, sondern die Fähigkeit, das eigene Selbstbild nicht pausenlos schützen zu müssen. Zu akzeptieren,dass Menschen gleichzeitig kompetent und fehlerhaft, reflektiert und verzerrt, sowie ehrlich und selbstschützend sein können.


So entsteht echte psychologische Reife möglicherweise nicht im perfekten Selbstbild, sondern in der Fähigkeit, mit dessen Brüchigkeit umgehen zu können.




Quellenverzeichnis


Miller, D. T., & Ross, M. (1975). Self-serving biases in the attribution of causality: Fact or fiction? Psychological Bulletin, 82(2), 213–225. 



Mezulis, A. H., Abramson, L. Y., Hyde, J. S., & Hankin, B. L. (2004). Is there a universal positivity bias in attributions? A meta-analytic review of individual, developmental, and cultural differences in the self-serving attributional bias. Psychological Bulletin, 130(5), 711–747.



Sedikides, C., & Gregg, A. P. (2008). Self-enhancement: Food for thought. Perspectives on Psychological Science, 3(2), 102–116. 

 
 
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