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Beschreiben, Erklären, Bewerten, Handeln: Trennen lohnt sich.

  • Autorenbild: Yves Ryser
    Yves Ryser
  • 25. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Der Reflex des Schnellhandelns und warum er uns trügt.


Ein Gespräch beginnt, eine Idee wird geäussert und wir reagieren. Schnell. Oft zu schnell. Denn unser Gehirn liebt Abkürzungen. Es beschreibt nicht, es erklärt sofort. Es erklärt nicht offen, sondern wertet implizit. Und am Ende handeln wir auf Basis einer Kette aus Vermutungen. Im Kontext der psychologischen Beratung zeigt sich das oft als blinder Fleck. Man denkt, man handle bewusst – dabei hat man nur nie gelernt, die inneren Schritte zu trennen.

 

Das Modell von Fritz B. Simon (2006) setzt genau hier an. Es unterscheidet vier kognitive Schritte, die – wenn bewusst getrennt – zu mehr Klarheit, Wirksamkeit und Selbstwirksamkeit führen. Beschreiben, Erklären, Bewerten, Handeln. Gerade in Beratungssituationen und Auftragsklärungen ist diese Trennung nicht Luxus, sondern Voraussetzung für gelingende Prozesse.

 

 

Schritt 1: Beschreiben – Der schwierigste einfache Schritt

 

Was genau nehme ich wahr? Ohne Interpretationen, ohne Bewertungen. Diese Frage klingt banal, ist aber in der Praxis oft schwieriger als gedacht. Denn unser Gehirn interpretiert und bewertet automatisch – wir können nicht nicht erklären und werten. Genau deshalb ist es so anspruchsvoll, die Beobachtung rein zu halten.

 

In der Beratung heisst das: Fakten schildern, ohne sie gleich zu deuten. Was wurde gesagt? Wie war der Tonfall? Was war sichtbar? Je differenzierter die Beschreibung, desto weniger Raum bleibt für Missverständnisse. Auf Erklärung und Bewertung wird somit nicht gänzlich verzichtet – sie werden aufgeschoben.

 

 

Schritt 2: Erklären – Es könnte auch anders sein

 

"Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches Erkennen" Mit diesem Satz verweist Friedrich Nietzsche (1887) auf eine zentrale Einsicht – Wir sehen nicht objektiv. Unsere Erklärungen sind nie neutral, sondern immer gedeutet aus unserer Erfahrung, unserer Geschichte und unserem Kontext.

 

Beratung bedeutet hier, diese eigenen Erklärungsmuster zu erkennen und alternative Hypothesen aufzuzeigen. Vielleicht hat mein Gegenüber nicht aus Bosheit so gehandelt, sondern aus Unsicherheit? Vielleicht war der vermeintliche Affront gar keiner? Solch erweiternde Gedanken schaffen Raum für Empathie, Flexibilität und eine der Komplexität angemesseneren Perspektivenvielfalt.

 


Schritt 3: Bewerten – Wir können nicht nicht bewerten


Unser Hirn ist ein Bewertungsorgan. Es ordnet, gewichtet und urteilt. Ständig. Wichtig ist deshalb nicht, Bewertungen zu vermeiden, sondern sie aufzuschieben. Erst wenn klar ist, was beobachtet wurde und welche möglichen Erklärungen bestehen, lohnt sich eine bewusste Bewertung.

 

Ein typischer Stolperstein ist hierbei der False Consensus Effect (Ross, Greene, & House 1977). Wir neigen dazu, anzunehmen, andere würden unsere Bewertung teilen. Das führt in der Kommunikation oft zu Abbrüchen. Wer die Bewertung hingegen als bewussten, dritten Schritt angeht, bleibt anschlussfähig und differenziert.

 

 

Schritt 4: Handeln – Die Konsequenz aus Klarheit


Handlung ist das Ziel. Aber nicht irgendeine. Wer beschreibt, erklärt und bewertet hat, kann gezielt und wirksam handeln. Nicht vorschnell aus dem Affekt heraus, sondern aus bestmöglicher Klarheit.


Beratung schafft hier Raum für reflektiertes Entscheiden. Klienten entwickeln so Handlungsoptionen, die auf einem fundierten Verständnis ihrer Situation basieren. Dadurch entstehen Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit – die Basis für nachhaltige Veränderung.

 

 

Die schützende Höhle hinter jedem Wasserfall


Wer sich vom Strom der Informationen überwältigt fühlt und aufrechtstehend zu ertrinken droht, ist gut beraten einen Schritt zurücktreten – in die stille, schützende Höhle eines jeden Wasserfalls, ins Bewusstsein.


Die Trennung der vier Schritte ist mehr als ein Modell. Sie ist eine Haltung. Langsames Denken, um schneller klar zu sehen. Psychologische Beratung bietet hier nicht nur Struktur, sondern auch Schutz. Sie hilft die Flut der Eindrücke zu ordnen und strukturieren, bevor bewertet und entschieden wird.




Quellen

 

Simon, F. B. (2006). Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus (6., aktualisierte Auflage 2012; 9. Auflage 2020). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

 


Nietzsche, F. (1887/1999). Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. In G. Colli & M. Montinari (Hrsg.), Kritische Studienausgabe (Bd. 5). München: dtv/de Gruyter.


 

Ross, L., Greene, D., & House, P. (1977). The “false consensus effect”: An egocentric bias in social perception and attribution processes. Journal of Experimental Social Psychology, 13(3), 279–301.


 
 
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