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Neues Jahr, neues Ich?

  • Autorenbild: Yves Ryser
    Yves Ryser
  • 26. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Warum Vorsätze oft scheitern und was du stattdessen fragen solltest


Neues Jahr, neues Ich? Jedes Jahr zu Silvester schwirren sie durch die Lüfte wie Wunderkerzen in der Nacht: gute Vorsätze. Weniger Zucker, mehr Bewegung, bessere Gespräche. Wir starten motiviert und landen oft bereits Mitte Januar in alten Mustern. Warum eigentlich?



Der Jahreswechsel als psychologisches Portal


Dai et al. (2014) sprechen vom sogenannten "Fresh Start Effect". Zeitmarken wie der Jahresanfang wirken wie mentale Trennlinien. Sie geben uns das Gefühl, einen alten Abschnitt abzuschliessen und einen neuen zu beginnen. In dieser Phase sind Menschen besonders bereit, sich zu reflektieren und neue Verhaltensweisen auszuprobieren.

Das Problem: Das Fenster ist schmal. Und ohne stabiles Fundament, rutscht der gute Vorsatz schnell wieder aus dem Blick.



Warum gute Vorsätze so oft ins Leere laufen


Viele Vorsätze scheitern nicht am Willen, sondern an ihrer Struktur. Sie sind zu gross, zu abstrakt oder zu weit von der Lebensrealität entfernt. Studien zeigen, dass Selbstregulation wie ein Muskel funktioniert, sie kann also überlastet werden (Baumeister & Tierney, 2012).

Ein Ziel wie "Ich will gelassener werden" klingt zwar toll, hilft aber nicht im Moment, in dem der Kollege wieder passiv-aggressiv auf dein Projekt reagiert. Was fehlt ist eine Übersetzung in konkrete Handlungsmuster.



Muster statt Ziele


Die Verhaltensforschung zeigt: Ein Grossteil unseres Tuns passiert automatisiert. Wir reagieren nach gelernten Mustern, nicht nach idealen Vorsätzen (Wood & Neal, 2007). Wer etwas verändern will, sollte also nicht nur fragen "Was will ich erreichen?", sondern "Wie reagiere ich üblicherweise?" und "Wie möchte ich in Zukunft reagieren?"



Die vier Reaktionsmuster im Alltag


Das Reaktionsmodell der Team Architektur lehnt sich an das OK-Korral-Modell von Thomas A. Harris (1967) an und baut auf einer ebenso einfachen wie kraftvollen Grundidee auf: In jeder Situation habe ich als Mensch immer vier grundlegende Möglichkeiten, zu reagieren. Immer. Unabhängig von Kontext, vom Gegenüber oder der Stimmung. Ob ich sie bewusst nutze oder nicht – ich habe immer vier Möglichkeiten, wie ich auf eine Situation reagiere:


Yess! – Ich nehme die Situation so an, wie sie ist. Ohne Widerstand, ohne Veränderungswunsch. Diese Reaktion kann kraftvoll sein, wenn ich tatsächlich im Reinen mit dem bin, was ist. Etwa wenn ich erkenne: „Das passt für mich, ich muss nichts ändern.“ Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ich mich zu schnell mit Umständen abfinde, die mir auf Dauer nicht guttun und dabei womöglich Handlungsräume übersehe.


Ja, und... – Ich akzeptiere die Situation grundsätzlich, bringe aber eigene Gedanken oder Bedürfnisse mit ein. In der Zusammenarbeit kann daraus ein kreatives, kooperatives Miteinander entstehen: „Ich sehe deinen Punkt und ich möchte noch etwas ergänzen.“ Wenn ich diese Haltung jedoch nur vorschiebe, ohne wirklich offen zu sein, bleibt das „Ja“ hohl und das „und...“ wird zum Machtspiel.


Dänn halt – Ich ziehe mich innerlich zurück, sage vielleicht „Schon ok“, obwohl es nicht ok ist. Manchmal schützt mich das vor Eskalation oder Energieverlust. Doch wenn dieses Muster zur Gewohnheit wird, verliere ich meine Stimme und damit oft auch die Verbindung zu mir selbst und zu anderen.


En Schönen – Ich entscheide mich, die Situation konsequent zu verlassen. Klarheit, Selbstschutz und gesunde Distanz können daraus entstehen. Aber auch Einsamkeit oder der Verlust von Entwicklungschancen, wenn der Rückzug eher Flucht als bewusste Entscheidung ist.


Jedes dieser Muster kann situativ sinnvoll sein – oder unbewusst zur Falle werden. Die Kunst liegt darin, zu erkennen: Welches Muster nutze ich wann und warum?



Veränderung beginnt mit Baby-Steps


Statt uns vorzunehmen, "ab jetzt nur noch Ja, und!", ist es klüger, sich einen winzigen Schritt vorzunehmen, einen Baby-Step, so klein, dass er fast lächerlich wirkt.

Beispiel: Wenn du dich oft im "Dänn halt" wiederfindest, könnte ein erster Schritt sein, eine einzige Situation diese Woche innerlich zu bemerken und dir danach zu überlegen, wie du dich dabei gefühlt hast. Mehr nicht. Kein sofortiger Wandel. Nur Bewusstheit. Und darauf aufbauend vielleicht nächste Woche ein erstes "Ja, und..." im Gespräch ausprobieren.

Verhaltensveränderung braucht Wiederholung. Und sie braucht Schritte, die so klein sind, dass die Wahrscheinlichkeit für die Umsetzung maximal hoch bleibt (Fogg, 2019).



Keine Vorsätze mehr. Stattdessen: Musterwahl.


Zum Jahresabschluss eine vielleicht unbequemere, dafür ehrlichere Frage als der klassische Neujahrsvorsatz:


Welches der vier Muster ist mein Gewohntes? Find ich das gut? Oder wäre ein anderes für meine Zufriedenheit hilfreicher?


Und dann: Was wäre ein erster, winziger Schritt in dieses neue Muster hinein? Kein radikaler Umbruch, kein utopischer Grössenwahn, kein Drama. Nur eine neue Schleife, ein anderer Ton, eine kleine Bewegung in eine neue Richtung.


Neues Jahr, neues Muster. Nicht weil du müsstest. Sondern weil es sich lohnen könnte.




Quellen


Baumeister, R. F., & Tierney, J. (2012). Willpower: Rediscovering the greatest human strength. Penguin Books.



Dai, H., Milkman, K. L., & Riis, J. (2014). The fresh start effect: Temporal landmarks motivate aspirational behavior. Management Science, 60(10), 2563–2582.



Fogg, B. J. (2019). Tiny habits: The small changes that change everything. Houghton Mifflin Harcourt.



Harris, T. A. (1967). I’m OK – You’re OK. Harper & Row.



Wood, W., & Neal, D. T. (2007). A new look at habits and the habit-goal interface. Psychological Review, 114(4), 843–863.



 
 
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